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30. Januar 2022

Wir stimmen ab: Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot»

Eine Volksinitiative verlangt das vollständige und sofortige Verbot der Tier- und Menschenversuche in der Schweiz. Discuss it hat mit Renato Werndli (Co-Präsident IG Tierversuchsverbot) und Ensar Can (Economiesuisse) über die Vorlage gesprochen, die am 13. Februar zur Abstimmung kommt.

Wie aktuell bei Covid-Mitteln wird bei der Entwicklung neuer Medikamente viel über deren Testung an Mensch und Tier diskutiert. Eine Initiative will diese Versuche in der Schweiz nun komplett verbieten. Wie die genaue Ausgestaltung der Vorlage aussieht, welche Pro- und Contra-Argumente im Abstimmungskampf genannt wurden und wer warum (nicht) hinter der Initiative steht, erfährst du in diesem Blogbeitrag.

Welche Tierversuchs-Gesetze hat die Schweiz aktuell?

Aktuell dürfen in der Schweiz Tierversuche zur Entwicklung von Medikamenten und Therapien durchgeführt werden, sofern diese zur besseren Behandlung von Krankheiten führen könnten. Die Gesetze für Tierversuche sind in der Schweiz ziemlich streng – sie gehören sogar zu den striktesten der Welt (s. Grafik von World Animal Protection).

Um eine Bewilligung zu erhalten, müssen drei Bedingungen gemäss dem 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) erfüllt sein: Die Forschungsergebnisse können nicht mit anderen Methoden erreicht werden, es soll mit einem Minimum an Tieren gearbeitet werden und die Belastung der eingesetzten Tiere muss so gering wie möglich gehalten werden. Nur, wenn der Nutzen für die Gesellschaft das Leiden der Tiere übersteigt, bewilligen kantonale Tierversuchskommissionen einen Antrag.

Was verlangt die Initiative?

Die Volksinitiative «Ja zum Verbot von Tier- und Menschenversuchen» möchte sämtliche Versuche an Lebewesen verbieten. Davon betroffen wären zum Beispiel die Entwicklung von Medikamenten, Therapien, Chemikalien, wissenschaftliche Lehre und Forschungen der Psychologie oder Sportwissenschaften. Zudem soll der Import von neuen Produkten bzw. deren Bestandteilen verboten werden, sofern ihre Entwicklung auf Tierversuchen beruht. Bereits bestehende Produkte dürften nur noch eingeführt werden, wenn die Herstellung inskünftig auf Tierversuche verzichtet. Dazu kommt, dass tierversuchsfreie Forschung staatlich mindestens gleich stark gefördert werden soll wie die heutige Forschung mit Tierversuchen.

Allerdings soll eine Erstanwendung von Medikamenten und Therapien an Menschen und Tieren weiterhin gestattet sein. Sofern es im Interesse der betroffenen Menschen und Tiere liegt, sollen neue Produkte auch an ihnen eingesetzt werden dürfen. Inwiefern sich Versuche und Erstanwendungen unterscheiden, lässt die Initiative dabei offen.

Argumente der Befürwortenden

Aus ethischer Sicht ist unumstritten, dass Tierversuche abgeschafft gehören – der Missbrauch von nichtzustimmungsfähigen Tieren für Experimente ist unentschuldbar. Jährlich würden immer noch über eine halbe Million Tiere für Versuche eingesetzt, und das, obschon 95% aller Wirkstoffe am Ende beim Menschen versagen würden, so die Befürwortenden der Initiative. «Durch das Lesen von Metaforschung haben wir nachgewiesen, dass der Tierversuch schlecht abschneidet [im Vergleich zu anderen Forschungsmethoden], daher wollen wir Tierversuche abschaffen», so Renato Werndli (IG Tierversuchsverbot). Ein Verbot von Tierversuchen würde sogar zu besserer Forschung in der Schweiz führen, argumentieren die Befürwortenden. «Am Schluss wird es in der Schweiz die besten Medikamente geben, weil wir mit sicheren Methoden getestet haben», ist sich Werndli sicher.

Das Ja-Komitee betont ausserdem, dass alte Produkte bleiben, neue Produkte hingegen strengere Qualitätsanforderungen erfüllen müssten. Zudem soll die Forschung am Menschen nicht verboten werden. Mithilfe von Operationsabfällen könnte weiterhin an Biomaterialien geforscht werden.

Argumente der Gegner:innen

Die Gegner:innen hingegen betonen, dass ein Tierversuchsverbot gravierende Folgen für die Gesundheit hätte. Bevor Medikamente auf den Markt kommen, werden diese an Tieren und Menschen getestet, was bei Annahme der Initiative verboten würde. Gerade bei Krebs- oder Demenzforschung seien Tierversuche aber notwendig und alternativlos. «Zellkulturen und Computersimulationen können den menschlichen Organismus als Ganzes nicht abbilden. Die Wissenschaft sagt ganz klar, dass, wenn man systemische Wirkungen und Nebenwirkungen von Wirkstoffen ausschliessen will, man die Tests mit Tieren braucht», so Ensar Can (Economiesuisse). Die Schweiz könnte sehr viele Medikamente nicht mehr herstellen oder importieren und wäre vom medizinischen Fortschritt ausgeschlossen.

Ausserdem fördere die Schweiz bereits Alternativen zu Tierversuchen: Ein nationales Kompetenzzentrum versuche schon heute, Tierversuche zu ersetzen oder wenigstens zu reduzieren. Ein Verbot von Tierversuchen würde schlussendlich auch den Tieren selbst schaden. «Tierversuche, die heute in der Schweiz gemacht werden, würde man einfach ins Ausland verlagern. Wir müssten damit rechnen, dass die Tiere, die im Ausland bei diesen Versuchen verwendet würden, schlechteren Bedingungen unterstellt wären und am Ende hätten wir mehr Leiden bei den Menschen und bei den Tieren», führt Ensar Can aus.

Was sagen Bundesrat und Parlament?

Bei den Abstimmungen im Parlament zeigte sich ein maximalst geschlossenes Bild: Im Nationalrat stimmten 195 Politiker:innen gegen und 0 Politiker:innen für die Initiative (bei 0 Enthaltungen). Im Ständerat waren es 42 Nein-Stimmen und 0 Ja-Stimmen (bei 2 Enthaltungen).

Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative somit ohne Gegenstimme ab.

Und jetzt du!

Bringen Tierversuche mehr Schaden als Nutzen? Sollen sie deswegen in der Schweiz inskünftig verboten werden? Schreib uns deine Meinung in die Kommentare und stimm am 13. Februar ab!

Erstellt von Sophie Ruprecht