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4. Mai 2026

Wohnschutzinitiative im Kanton Zürich

Es klingelt an der Tür, die Post ist da. Allerdings hat sie nicht nur für dich einen Brief mit, nein, sondern gleich für die ganze Bewohnerschaft deines Wohnblocks. Gleichzeitig wird allen die Kündigung ihrer Mietwohnung überreicht – ihr müsst raus. Unvorstellbar für die meisten, Realität für die über 250 Bewohner der sogenannten Sugus-Häuser in der Stadt Zürich.

Das Problem

Solche Leerkündigungen von ganzen Mehrfamilienhäusern bleiben keine Seltenheit: Rund 2000 jährlich sollen es schweizweit sein laut einer Erhebung der Zürcher Kantonalbank (Zürcher Kantonalbank, «Leerkündigungen – Ein Dilemma», 26.11.2024). Die Betroffenen stehen dann vor einem Problem, das immer grösser wird: der Wohnungsknappheit. Am 1. Juni 2025 standen im Kanton Zürich gerade noch 3815 Wohnungen leer, die Leerwohnungsziffer liegt bei 0,48 Prozent (BAS, «Leer stehende Wohnungen nach Kantonen», Stand: 1. Juni 2025). Zum Vergleich: Ab einem Leerstand unter 1,5 Prozent spricht man offiziell von Wohnungsmangel, unter einem Prozent gar von einer Knappheit. Währenddessen entwickeln sich die Mietkosten in die entgegengesetzte Richtung und schiessen immer weiter in die Höhe.

Die Leerwohnungsziffer gibt den Prozentanteil der noch freien Wohnungen an. Dabei werden unter «frei» zur Vermietung wie auch zum Kauf angebotene Wohnungen verstanden. 

Beispiel: Gibt es im Kanton X nur 100 Wohnungen und die Leerwohnungsziffer beträgt 1 %, dann wären 99 bereits vermietet und nur noch eine frei.

Schweizweit sank die Leerwohnungsziffer zwischen 2021 und 2025 von 1,54 % auf 1,00 %. Das heisst: Wohnraum ist nicht nur knapp, sondern wird noch knapper. 

Dabei handelt es sich nur um einen nationalen Durchschnitt, die regionalen Unterschiede werden so also nicht sichtbar. In der Realität ist die Situation aber von Kanton zu Kanton unterschiedlich und nicht überall gleich angespannt: 

 

Genf 0,34 %
Zug 0,42 %
Zürich 0,48 %
Bern 1,12 %
St. Gallen 1,38 %
Tessin 1,92 %
Solothurn 2,05 %
Jura 3,03 %

 

(BAS, «Leer stehende Wohnungen nach Kantonen», Stand: 1. Juni 2025)

 

Ein Beispiel: Während im Kanton Jura ganze 3,03 % der Wohnungen noch frei stehen, sind es in Genf nur 0,34 %.

 

Zudem gibt es auch in den Kantonen selbst noch grosse Differenzen: So liegt der Prozentsatz im Kanton Zürich immerhin bei 0,48 %, wobei dieser in der Stadt Zürich nur auf 0,1 % kommt. (Stadt Zürich, Stand: 1. Juni 2025) Insbesondere haben also die Städte mit einem Mangel an Wohnraum zu kämpfen, während die Situation in ländlicheren Gebieten etwas entspannter ist.

Die Wohnschutz-Initiative: Was steckt dahinter?

Genau hier setzt die Wohnschutz-Initiative an, über die wir am 14. Juni 2026 abstimmen werden. Lanciert von der SP, den Grünen, der AL und dem Mieterverband, will sie solche Leerkündigungen wie bei den Sugus-Häusern verhindern. Konkret sollen Gemeinden das Recht erhalten, Abbrüche, Umbauten, Renovationen und Zweckänderungen bewilligungspflichtig zu machen und diese Bewilligungen mit zeitlich begrenzten Mietzins-Auflagen zu verbinden. Eine Gemeinde wie die Stadt Zürich könnte zum Beispiel festlegen, dass nach einer Sanierung die Mieten nicht einfach verdoppelt werden dürfen. Voraussetzung ist dabei, dass in der betreffenden Gemeinde überhaupt ein Wohnungsmangel (= Leerwohnungsziffer von unter 1,5 %) besteht.

(Link für mehr Informationen zur Wohnschutzinitiative)

Befürworter sehen die Initiative als dringend nötige Bremse gegen die Verdrängung langjähriger Mieter:innen. Sie heben hervor, dass Personen mit einem tiefen Einkommen sowie Pensionierte besonders häufig von Leerkündigungen betroffen sind und auf diesem Wege besser geschützt werden. Ebenfalls sollen durch die Möglichkeit, mit der Bewilligung einer z. B. Renovation auch Auflagen zu den Mietzinsen zu verbinden, missbräuchliche Mieterhöhungen verhindert werden.

(Link zum Befürworter-Komitee)

Die Gegner:innen – SVP, FDP, GLP, Die Mitte und EVP – warnen davor, dass solche Regulierungen genau das Gegenteil bewirken. Sie befürchten, dass durch die zusätzlichen Auflagen der Wohnungsbau gebremst wird und so die Wohnungsknappheit sich sogar weiter zuspitzt. Als abschreckendes Beispiel nennen sie Basel: Seit Inkrafttreten des dortigen Wohnschutzgesetzes 2022 sank die Zahl der Baugesuche für Mietwohnungen von rund 1000 auf nur noch 67. Weniger Bau bedeute langfristig noch weniger Wohnraum und in der Folge noch höhere Mieten. Weiter würden Renovationen von Wohnungen aufgeschoben werden, wodurch deren Zustand sich zunehmend verschlechtere und am Schluss die Mietenden die Leidtragenden seien. 

(Link zum Gegner-Komitee)

Hinter diese Argumentation der Gegenseite stellt sich auch der Kantonsrat und erarbeitete einen Gegenvorschlag, der Mieter:innen insbesondere bei grossen Sanierungsprojekten schützen soll. Dieser sieht keine Möglichkeit für Mietzinsauflagen bei Bewilligungen vor, aber verschiedene Pflichten des Vermieters bei Kündigung von 20+ Mietverhältnissen, um diese sozialverträglicher auszugestalten. Zum Beispiel müssten Vermieter:innen mindestens ein Jahr vor dem Kündigungstermin die Mieter:innen informieren sowie sie anschliessend bei der Wohnungssuche unterstützen.

(Link zu mehr Informationen zum Gegenvorschlag)

Neben der Wohnschutz-Initiative kommen am 14. Juni zwei weitere Wohninitiativen an die Urne. 

Die Wohnungsinitiative von Grünen, SP und AL will eine staatliche Wohnbaugesellschaft mit 500 Millionen Franken Startkapital gründen, die günstige, gemeinnützige Wohnungen baut und vermietet. 

(Link zu mehr Informationen zur Wohnungsinitiative)

Die Wohneigentums-Initiative des Hauseigentümerverbands geht in die entgegengesetzte Richtung: Sie will den Erwerb von Wohneigentum (das heisst: Ich kaufe eine Wohnung, anstatt sie zu mieten) erleichtern, indem der Kanton und die Gemeinden bei ihren Bau- sowie Förderungstätigkeiten verpflichtet werden, das im selben Umfang für selbstgenutztes Wohneigentum wie Mietwohnungen zu tun.
(Link zu mehr Informationen zur Wohneigentums-Initiative)

Was hat das mit dir zu tun?

Wahrscheinlich wohnst du noch zu Hause bei deinen Eltern. Doch früher oder später wirst auch du auf dem Wohnungsmarkt nach einer Wohnung suchen. Spätestens dann wird das, worüber wir am 14. Juni abstimmen werden, für dich sehr konkret. Die Wohnschutz-Initiative ist dabei eine mögliche Antwort auf den weiter wachsenden Mangel an Wohnraum. Ob das der richtige Weg ist, wird in der Politik darüber gestritten. In anderen politischen Lagern wird aber auch eifrig nach Lösungen gesucht, die sich in ihren Herangehensweisen teils stark unterscheiden. 

Was denkst du? Ist die vorgeschlagene Möglichkeit einer Bewilligungspflicht ein guter Ansatzpunkt? Wenn nicht, wie würdest du das Problem angreifen?

Willst du mehr über die Schweizer Politik erfahren? Du findest unzählige weitere Blogs zu Themen rund um Demokratie, aktuelle Abstimmungsvorlagen und die Schweizer Politiklandschaft! 

Bei Discuss it schreiben wir aber nicht nur Blogs, wir setzen uns aktiv für die politische Bildung von jungen Menschen ein und organisieren dazu Podiumsdiskussionen zwischen Politiker:innen und Jugendlichen. Dazu zählen wir auf das Engagement von vielen jungen Freiwilligen. 

Auf unserer Website findest du weitere Informationen.

Erstellt von Nadja Stahel