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18. August 2026

Neutralitätsinitiative – Um was geht’s?

Die Neutralität der Schweiz ist ungefähr gleich fest mit unserer politischen Identität verbunden wie guter Käse mit unserer Kultur. So erreicht sie auch eine aussergewöhnlich hohe Zustimmungsrate von rund 89 % in der Bevölkerung (Quelle) – und trotzdem stimmen wir am 27. September über sie ab. Wieso weiterhin über sie debattiert wird und was es heisst, als «die Neutralen» zu gelten, erfährst du hier.

Neutral zu sein bedeutet, sich nicht einzumischen. Im Kontext von zwischenstaatlichen Beziehungen heisst das, dass ein neutrales Land keine Partei ergreift, wenn andere Länder in einen bewaffneten Konflikt verwickelt sind. Wichtig: Die Neutralität ist nur in bewaffneten, zwischenstaatlichen Konflikten (= Konflikte zwischen mindestens zwei Ländern) anwendbar. Ist eine Auseinandersetzung ausschliesslich politischer Natur ohne Einsatz des Militärs oder ist eine der beiden Parteien kein Staat, kommt die Neutralität nicht zur Anwendung

Die Neutralität in der Schweiz: Eine Praxis mit langer Tradition

Am Wiener Kongress 1815 entschied sich die Schweizer Delegation für eine neutrale Position. Für diesen Weg haben wir uns freiwillig und mit internationaler Zustimmung entschieden. Rechtlich verankert wurde unser Status erst rund 100 Jahre später mit den Haager Abkommen, die wir 1910 ratifizierten. Diese bilden bis heute den völkerrechtlichen Rahmen, der für uns bindend ist und klare Rechte sowie Pflichten vorsieht.

 

Gemäss der Definition des Bundes (Quelle) erfüllt die Schweiz folgende Pflichten:

  • Sich der Teilnahme an Kriegen zu enthalten
  • Ihre Selbstverteidigung sicherzustellen
  • Alle Kriegsparteien im Hinblick auf den Export von Rüstungsgütern gleich zu behandeln
  • Den Kriegsparteien keine Söldner zur Verfügung zu stellen
  • Den Kriegsparteien ihr Staatsgebiet nicht zur Verfügung zu stellen

Im Februar 2022 griff Russland die Ukraine an und verletzte damit das Völkerrecht. Die Schweiz traf daraufhin verschiedene Massnahmen, die gegen Russland gerichtet waren und den Völkerrechtsbruch ahnden sollten: Zum Beispiel fror sie russische Vermögen ein, unterstützte UN-Resolutionen gegen Russland und verbot ihnen die Benutzung unseres Luftraums. 

Sie bewegte sich damit im Rahmen des Neutralitätsrechts. Trotzdem wurden Stimmen laut, die darin die Neutralität als aufgegeben sahen und eine engere Definition von dieser forderten.

Was will die Initiative?

Die neuen Konflikte der vergangenen Jahre, unter anderem der Ukraine-Krieg oder der bewaffnete Konflikt im Nahen Osten, haben zur aktuellen Neutralitäts-Debatte geführt. Insbesondere stellt sich die Frage, wie mit Völker- und Menschenrechtsverletzungen, die im Rahmen dieser militärischen Auseinandersetzungen begangen werden, umgegangen werden soll. Während verschiedene Stimmen eine aktivere Rolle der Schweiz in der Ahndung dieser Rechtsverstösse fordern, rufen andere zu einer strikteren Handhabung unserer Neutralität und einer damit eher passiven Haltung auf.

In dieser Diskussion ist auch die Initiative angesiedelt: Lanciert von der Vereinigung Pro Schweiz und unterstützt durch die SVP, will die Initiative die Neutralität in der Bundesverfassung verankern. Die geplante Fassung folgt dabei einer strikteren Interpretation des Begriffs «Neutralität» als der Bundesrat sie aktuell praktiziert. Folglich würde damit auch sein Handlungsspielraum eingeschränkt. 

 

Auf einen Blick: Die konkrete Forderungen der Initiative

  • «Neutralität» in der Verfassung: Die Neutralität wird in der Bundesverfassung eingefügt und damit fest verankert.
  • Kein Beitritt zu einem Militär- oder Verteidigungsbündnis: Der Schweiz wird untersagt, einem Militär- oder Verteidigungsbündnis (z. B. Nato) beizutreten. Eine Zusammenarbeit bliebe aber möglich bei einem direkten Angriff auf die Schweiz.
  • Keine Einmischung in Kriege von Anderen: Die Schweiz darf sich nicht an einer militärischen Auseinandersetzung zwischen anderen Ländern beteiligen.
  • Keine Strafen gegen eine Kriegspartei: Die Schweiz darf keine Sanktionen (z. B. wirtschaftliche Schlechterstellungen) gegen kriegsführende Staaten ergreifen (ausgenommen sind die Sanktionen der UNO).
  • Verhinderung der Umgehung von Sanktionen: Die Schweiz kann Massnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Sanktionen anderer Staaten umgangen werden.
  • Vermittlerrolle wird beibehalten: Die Schweiz nutzt ihre Neutralität weiterhin in der Rolle der Vermittlerin.

Bemerkung: Die beste und kürzeste Zusammenfassung einer Initiative ist immer der Initiativtext selbst (also der Text, der in der Verfassung eingefügt werden soll). Lies ihn doch mal selbst nach! (HIER) Übrigens findest du ihn auch immer im roten Abstimmungsbüchlein. 

Quelle: Bundesrat, Neutralitätsinitiative 2026. (Link)

Pro & Contra

Pro: Argumente für die Initiative

  • Neutralität hat die Schweiz vor zwei Weltkriegen bewahrt: Damit diese weiterhin Sicherheit bietet, muss sie glaubwürdig, umfassend und bewaffnet sein und bleiben.
  • Die Neutralität muss nicht von Fall zu Fall neu definiert werden, sondern ist immerwährend und verlässlich. 
  • Auch wirtschaftliche Sanktionen richten Schaden an und treffen in erster Linie die Zivilbevölkerung. 
  • Eine strikte Neutralität macht uns zu einer verlässlichen Partnerin und stärkt unsere Rolle als Vermittlerin in Konflikten.

Contra: Argumente gegen die Initiative

  • Viele Forderungen sind heute bereits Praxis (z. B. dauernde Neutralität, kein Beitritt zu Militärbündnissen, keine Beteiligung an militärischen Konflikten, Übernahme UNO-Sanktionen).
  • Die Initiative schränkt den Handlungsspielraum der Schweiz empfindlich ein. In einer Welt, die sich schnell ändert, ist Flexibilität wichtig. 
  • Die Haager Abkommen sehen bereits klare Regeln für uns als neutralen Staat vor. Diese sind bereits bindend für uns, eine Ergänzung in der Verfassung wäre überflüssig. 
  • Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit anderen Ländern wäre erschwert, da die Schweiz keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis beitreten darf. In diesen Organisationen finden jedoch auch immer wieder wichtige Übungen für den Ernstfall statt. Die Schweiz könnte damit in Zukunft praktisch erst im Angriffsfall mit anderen Ländern zusammenarbeiten.
  • Die Sanktionierung von Staaten wäre nicht mehr möglich und damit auch keine Reaktion auf Verletzungen von Völkerrecht. Dies könnte auch negative Reaktionen anderer Staaten auslösen, die von der Schweiz eine Sanktionierung solcher Verstösse erwarten. 

Und du?

Am 27. September entscheiden wir aber alle über den zukünftigen Charakter der Schweizer Neutralität. Soll sie flexibel bleiben wie bisher oder strikter gehandhabt werden?

Du bist gefragt: Was denkst du?

Willst du mehr über die Schweizer Politik erfahren? Du findest unzählige weitere Blogs zu Themen rund um Demokratie, aktuelle Abstimmungsvorlagen und die Schweizer Politiklandschaft! 

Bei Discuss it schreiben wir aber nicht nur Blogs, wir setzen uns aktiv für die politische Bildung von jungen Menschen ein und organisieren dazu Podiumsdiskussionen zwischen Politiker:innen und Jugendlichen. Dazu zählen wir auf das Engagement von vielen jungen Freiwilligen. 

Auf unserer Website findest du weitere Informationen.

Erstellt von Nadja Stahel