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1. März 2024

Krise der Jugend: Psychische Gesundheit in Gefahr – Was jetzt getan werden muss!

Seit Corona stehen auch Jugendliche vor einer immer grösser werdenden Herausforderung: Die psychische Belastung wächst, doch die Versorgungsmöglichkeiten hinken hinterher. Discuss it hat bei Pro Juventute nachgefragt, was die Politik verändern muss und wo sich Jugendliche in Krisen Hilfe holen können

Seit Corona stehen auch Jugendliche vor einer immer grösser werdenden Herausforderung: Die psychische Belastung wächst, doch die Versorgungsmöglichkeiten hinken hinterher. Discuss it hat bei Pro Juventute nachgefragt, was die Politik verändern muss und wo sich Jugendliche in Krisen Hilfe holen können.

Eine Krise jagt die Nächste, und das schlägt aufs Gemüt! Auch Jugendliche fühlen sich psychisch zunehmend überfordert und suchen Hilfe, doch die jugendpsychologisch-psychiatrische Versorgung der Schweiz kann die Nachfrage aktuell nicht mehr bewältigen. In einem Interview mit Pro Juventute haben wir die Ursachen, die aktuellen Herausforderungen sowie mögliche Lösungsansätze beleuchtet.

1) Seit Corona hat sich die Problematik um die psychiatrisch-psychologische Versorgung von Jugendlichen noch verschärft. Woran liegt das Ihrer Meinung nach und was kann die Politik tun, um die Situation zu verbessern?

Die Covid-Pandemie war für viele Kinder und Jugendliche in der Schweiz die erste Krise, die direkt auf ihren Alltag eingewirkt hat und mit Unsicherheiten verbunden war. Dazu kamen kurz darauf und währenddessen weitere Krisen hinzu, wie Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten, oder der Klimawandel. Kindheit und Jugend sind ohnehin bereits eine sensible Zeit, die mit vielen Veränderungen verbunden ist. Der Körper entwickelt sich, man sucht und festigt seine Identität und stellt die Weichen fürs Berufsleben. Bewältigungsstrategien müssen erst noch erlernt werden. Kommt hinzu: Im Vergleich zu früheren Krisenzeiten ist diese Multikrise durch die sozialen Medien omnipräsent im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Diese Multikrise fordert junge Menschen in ihrem Heranwachsen heraus und kann Ängste verstärken. Den eigenen Platz in der Welt zu finden und die Zuversicht nicht zu verlieren, ist in diesen Zeiten schwieriger geworden. 

Die erhöhte psychische Belastung spüren wir auch beim 147, unserem Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche. Der Beratungsaufwand hat im Jahr 2023 im Vergleich zu vor der Pandemie (2019) um 70 Prozent zugenommen. Starke Anstiege verzeichnen wir bei Beratungen zu Ängsten, Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Die Anzahl Beratungen wegen Suizidgedanken haben sich mehr als verdoppelt: Heute melden sich jeden Tag durchschnittlich neun Kinder und Jugendliche, in deren Augen das Leben nicht mehr lebenswert ist. 2019 waren es noch 3 bis 4 Beratungen pro Tag. Die kinder- und jungendpsychologische und -psychiatrische Versorgungskette ist überlastet. Junge Menschen warten lange auf eine Gesprächsmöglichkeit respektive auf einen Behandlungsplatz.

Bedauerlicherweise ist die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von der Politik in den letzten Jahren nicht genügend priorisiert worden. Umso wichtiger ist es angesichts der Multikrise, rasch zu handeln und niederschwellige Erstberatungsstellen wie das 147 zu stärken. Bund und Kantone sind auch gefordert, die psychologische und psychiatrische Versorgung zu verbessern. Ebenfalls zentral für eine psychisch gesunde Entwicklung ist die präventive Stärkung der Resilienz, etwa durch Angebote zur frühen Förderung, das Erlernen aktiver Stressbewältigung oder eine aktive Medienerziehung. Pro Juventute ist überzeugt: Es lohnt sich für uns als Gesellschaft, in eine psychisch gesunde Kindheit und Jugend zu investieren.

2) Wie stehen Sie dem Thema «Mental Health und Social Media» gegenüber? Bergen die sozialen Medien im Bereich psychische Gesundheit mehr Nutzen oder Risiken? Und sollte die Politik hier gewisse Regulierungen erlassen bzw. ist sie aktuell vielleicht sogar schon daran?

Unbestritten ist Social Media mit Risiken verbunden: Cybermobbing, sexuelle Belästigung, problematische Schönheits- und Lifestyleideale oder ein durch Algorithmen gefördertes suchtartiges Nutzungsverhalten können die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen. Social Media nur auf seine negativen Auswirkungen zu reduzieren, greift jedoch zu. Kinder und Jugendliche haben verschiedene Entwicklungsaufgaben zu bewältigen: Sie müssen sich in der Welt, in der sie leben, orientieren und ihre Identität festigen. Sie möchten sich mitteilen, Bestätigung erfahren und dazugehören. TikTok, Facebook, Snapchat, Instagram und Co. bieten mit all ihren Funktionen eine ideale Plattform, um diese natürlichen Bedürfnisse abzudecken. In der virtuellen Welt finden viele Kinder und Jugendliche einen Raum, um mit Gleichgesinnten über ihre Gefühle zu sprechen und sich über Mental Health und Problemlösungsstrategien auszutauschen.

In unserer digitalisierten Gesellschaft ist deshalb es essenziell, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Je besser sie über Gefahren und Risiken Bescheid wissen und je gestärkter ihre Handlungskompetenz ist, desto besser können wir sie schützen. Pro Juventute setzt sich dafür ein, junge Menschen zu einem sich selbst und anderen gegenüber verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien zu befähigen. Dafür sind unsere Fachpersonen mit unseren Medienprofis-Workshops in Schulklassen unterwegs und bieten Eltern, Kindern und Jugendlichen darüber hinaus diverse Informations- und Beratungsangebote. Nebst griffigen Jugendschutzregelungen braucht es aus Sicht von Pro Juventute ausreichend Ressourcen für Prävention und allgemein bekannte und niederschwellige Beratungsangebote wie das 147.

3) Wie gehen Schulen mit diesem Thema um? Müsste die Politik auch hier vermehrt dafür sorgen, dass der Umgang mit der eigenen psychischen Gesundheit im schulischen Kontext stärker beleuchtet wird?

Inwiefern das Thema psychische Gesundheit im Schulunterricht behandelt wird, variiert in der Schweiz stark und hängt insbesondere auch vom Engagement und den Möglichkeiten der Lehrpersonen ab. Schulen können grundsätzlich einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Sensibilisierung leisten. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen für Lehrkräfte, ausreichende Ressourcen und fachliches Know-How. Als Pro Juventute unterstützen wir die Schulen schon heute mit fachlichen Angeboten wie zum Beispiel unseren Medienkompetenz-Workshops, in denen wir auch auf unser 147 aufmerksam machen. 

3.5) Gibt es etwas, das Sie in Bezug auf diese Thematik sonst noch ansprechen möchten?

Für die Stärkung der psychischen Gesundheit spielt Resilienz eine Schlüsselrolle. Die Multikrise spielt sich nicht in einem luftleeren Raum ab, sondern wird auch von unserer Leistungsgesellschaft beeinflusst. Ein sehr hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen ist gestresst, was sich negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirkt. Jedes dritte Kind zeigt bereits Stresssymptome. Für eine psychisch gesunde Entwicklung ist es deshalb essenziell, dass Kinder und Jugendliche ausreichend Zeit und Raum haben, um ohne Leistungsdruck ihren Interessen und Hobbies nachzugehen, sich mit Freundinnen und Freunden zu treffen und sich frei entwickeln und entfalten zu können. Dadurch werden auch ihre Selbstwirksamkeit und die Widerstandsfähigkeit gegen Krisen gestärkt.

Die Vorstellung, über seine Sorgen und Gefühle zu sprechen, kann Angst machen. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, bei Krisen darüber zu sprechen und sich jemandem anzuvertrauen. Über das psychische Wohlbefinden zu reden, kann entlasten und sogar Leben retten. Niemand soll sich dafür schämen müssen. Wir empfehlen, sich einer vertrauenswürdigen Person – Familienmitgliedern, Freundinnen oder Freunden oder Lehrpersonen – anzuvertrauen. Ebenfalls geht es darum, Strategien im Alltag zu entwickeln, um negativen Gefühlen entgegenzuwirken und sich wieder besser fühlen zu können. Kinder und Jugendliche können sich auch ans 147 wenden: Unsere Beraterinnen und Berater sind rund um die Uhr per Telefon, Whatsapp und Mail für sie da, hören zu und vermitteln Unterstützung – gratis, anonym und vertraulich.

Erstellt von Sophie Ruprecht